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Fiatgeld und Fortschritt – sind wir dank oder trotz weichem Geld reicher?

Der Satz begegnet einem oft:

Wir leben heute auf einem höheren Lebensstandard als vor 100 oder 200 Jahren. Also muss das heutige Fiatgeldsystem funktionieren.

Der erste Teil stimmt. Der zweite folgt daraus nicht.

Unser materieller Wohlstand ist real. Die medizinische Versorgung ist besser, die Produktivität höher, die technische Ausstattung umfassender und viele Güter sind für breite Bevölkerungsschichten zugänglich. Doch daraus lässt sich nicht ableiten, dass die vollständige Loslösung des Geldes von Gold und anderen harten Grenzen die Ursache dieses Fortschritts war.


Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir heute reicher sind.

Sie lautet:


Wäre unsere Gesellschaft unter einem härteren oder zumindest regelgebundeneren Geldsystem weniger innovativ, weniger produktiv und weniger wohlhabend gewesen?


Darauf gibt es keine ehrliche Gewissheit. Aber die historische Entwicklung liefert genug Gründe, die einfache Erfolgsgeschichte des Fiatgeldes kritisch zu hinterfragen.


Das technische Fundament unserer Gegenwart entstand vor dem Fiat-Zeitalter


Viele der Erfindungen, auf denen unser heutiger Alltag beruht, entstanden lange bevor das globale Geldsystem vollständig ungedeckt wurde.


Elektrizität, Telegraphie, Telefon, Verbrennungsmotor, Eisenbahn, Stahlproduktion, moderne Chemie, Radio, Luftfahrt, industrielle Landwirtschaft und die Grundlagen der medizinischen Massenproduktion entwickelten sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert.


Auch entscheidende Bausteine der digitalen Welt entstanden vor oder während der Zeit von Bretton Woods:


Halbleiter, Transistoren, frühe Computer, Satellitentechnik, Mikroelektronik und die ersten Netzwerke.


Die Welt war damals nicht technologisch rückständig. Im Gegenteil: Viele der tiefsten technischen Umbrüche der letzten 150 Jahre entstanden unter Goldstandards oder unter dem Bretton-Woods-System, in dem der US-Dollar noch an Gold gebunden war.


Das moderne Smartphone ist ohne Zweifel eine aussergewöhnliche Leistung. Doch es ist nicht aus dem Nichts entstanden. Es verbindet Elektrizität, Funktechnik, Halbleiter, Computertechnik, Satellitennavigation und Netzwerktechnologie – Grundlagen, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden.


Das bedeutet nicht, dass seit 1971 keine bedeutenden Innovationen mehr entstanden wären.


Aber es bedeutet, dass der heutige technische Fortschritt nicht einfach dem Fiatgeld zugeschrieben werden kann. Vieles ist Weiterentwicklung, Miniaturisierung, Digitalisierung und globale Verbreitung bereits vorhandener Grundlagen.


Bretton Woods war noch kein vollständig ungedecktes Geldsystem


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde häufig von einem neuen Weltwährungssystem gesprochen. Gemeint ist Bretton Woods.


Dabei war der US-Dollar für ausländische Zentralbanken weiterhin zu einem festen Preis von 35 US-Dollar je Unze in Gold umtauschbar. Andere wichtige Währungen waren an den Dollar gebunden.


Dieses System war kein klassischer Goldstandard wie vor dem Ersten Weltkrieg. Aber es war auch kein vollständig freies Fiatgeldsystem.


Die Nachkriegszeit mit ihrem starken industriellen Wachstum, dem Wiederaufbau Europas, dem Ausbau von Infrastruktur und der breiten Wohlstandssteigerung entstand also unter einer deutlich stärkeren geldpolitischen Bindung als heute.


Erst im August 1971 setzte die US-Regierung die Goldkonvertibilität des Dollars aus. Damit fiel der letzte zentrale Goldanker des internationalen Währungssystems.


Seitdem basiert das Weltgeldsystem nicht mehr auf einer festen materiellen Begrenzung, sondern auf Vertrauen, Zentralbankpolitik, Verschuldungsfähigkeit und der Akzeptanz staatlicher Währungen.


Fiatgeld und Fortschritt: Der Produktivitätsbruch nach 1973


Der Übergang zum vollständig ungedeckten Geldsystem beweist nicht automatisch, dass Fiatgeld wirtschaftlichen Schaden verursacht.


Aber ein Blick auf die Produktivitätsentwicklung zeigt etwas Wichtiges:


Die Vorstellung, dass nach der Loslösung vom Gold zwangsläufig eine neue Ära aussergewöhnlicher realer Wertschöpfung begann, wird von den Daten nicht gestützt.


In den USA wuchs die Arbeitsproduktivität im nichtlandwirtschaftlichen Unternehmenssektor zwischen 1947 und 1973 durchschnittlich um 2,8 Prozent pro Jahr. Zwischen 1973 und 1979 fiel dieser Wert auf 1,1 Prozent pro Jahr.


Später gab es Phasen der Erholung, insbesondere durch Informationstechnologie. Dennoch blieb die Produktivitätsentwicklung langfristig deutlich ungleichmässiger als in den Jahrzehnten des Wiederaufbaus.


Natürlich hatte dieser Bruch mehrere Ursachen: Energiekrisen, Strukturwandel, Demografie, internationale Konkurrenz und wirtschaftspolitische Fehler spielten ebenfalls eine Rolle.


Aber genau deshalb ist die Behauptung, das Fiatgeldsystem sei der Motor des modernen Fortschritts, nicht haltbar.


Die historische Bilanz zeigt keine klare technologische Explosion unmittelbar nach der Abschaffung der Goldbindung. Sie zeigt vielmehr eine Zeit, in der Verschuldung, Vermögenspreise und finanzielle Abhängigkeiten stark zunahmen, während die reale Produktivität nicht im gleichen Mass beschleunigte.


Fiatgeld verändert die wirtschaftlichen Anreize


Ein Geldsystem ist nie neutral.


Es beeinflusst, ob Sparen, Konsum, Verschuldung oder langfristige Investitionen attraktiver erscheinen.


In einem System, das eine geringe, aber dauerhafte Inflation akzeptiert oder anstrebt, verliert ungenutztes Geld langfristig an Kaufkraft. In der Schweiz gilt ein jährlicher Anstieg der Konsumentenpreise zwischen null und zwei Prozent als Preisstabilität.


Das ist aus Sicht der Geldpolitik nachvollziehbar. Für den Einzelnen bedeutet es dennoch: Reines Geldhalten wird langfristig nicht belohnt.


Dadurch entstehen Anreize, Ersparnisse möglichst schnell in Konsum, Immobilien, Aktien, Kredite oder andere Vermögenswerte zu verschieben.


Das kann Investitionen fördern. Es kann aber auch Kapital dorthin lenken, wo Vermögenspreise steigen, statt dorthin, wo langfristig echte Produktivität entsteht.


Die entscheidende Frage lautet deshalb:


Wird Kapital eingesetzt, um bessere Maschinen, Infrastruktur, Forschung und langlebige Produkte zu schaffen?


Oder wird es vor allem eingesetzt, um bestehende Vermögenswerte teurer zu machen?


Wohlstand ist mehr als Konsum


Heute wird Wohlstand oft über Auswahl und Verfügbarkeit definiert.


Mehr Produkte. Mehr digitale Dienste. Mehr Unterhaltung. Schnellere Lieferung. Kürzere Ersatzzyklen.


Doch diese Sicht greift zu kurz.


Wohlstand zeigt sich auch darin, ob Menschen langlebige Güter besitzen, ob sie reparieren können, ob sie Rücklagen bilden, ob Wohnen bezahlbar bleibt und ob Infrastruktur über Jahrzehnte zuverlässig funktioniert.


Ein höherer Konsum bedeutet nicht automatisch höhere Qualität.


Ein Produkt, das günstig gekauft, nach kurzer Zeit ersetzt und kaum repariert werden kann, steigert vielleicht den Umsatz. Es steigert aber nicht zwingend den echten Wohlstand seines Besitzers.


Qualität, Reparierbarkeit und Umweltkosten


Die Qualitätsfrage ist besonders wichtig.


Es wäre falsch zu behaupten, Fiatgeld allein habe schlechte Produkte, geplante Obsoleszenz oder Umweltprobleme verursacht. Globale Lieferketten, Wettbewerb, Regulierung, Rohstoffpreise und Geschäftsmodelle spielen ebenfalls eine grosse Rolle.


Aber das Geldsystem verstärkt die Richtung.


Ein Umfeld, das auf kontinuierlichen Umsatz, Kredit, Wachstum und schnellen Warenumschlag ausgerichtet ist, belohnt häufig Quantität stärker als Haltbarkeit.


Die Folgen sind sichtbar:


Produkte werden schneller ersetzt.

Reparaturen werden im Verhältnis zum Neukauf oft unattraktiv.

Elektronik wird kürzer genutzt.

Möbel, Kleidung und Haushaltsgeräte werden häufig nach Preis statt nach Lebensdauer ausgewählt.


Dass diese Entwicklung real ist, zeigt auch die Politik: Die Europäische Union hat neue Regeln geschaffen, damit Reparaturen attraktiver werden und Produkte länger genutzt werden können. Gleichzeitig entstanden weltweit allein im Jahr 2022 rund 62 Millionen Tonnen Elektroschrott. Nur 22,3 Prozent davon wurden nachweislich fachgerecht gesammelt und recycelt.


Das ist kein Beweis dafür, dass Fiatgeld Elektroschrott verursacht.


Aber es ist ein klarer Hinweis darauf, dass unser Wirtschaftsmodell mit schnellen Ersatzzyklen, begrenzter Reparierbarkeit und hohem Ressourcenverbrauch ein Qualitätsproblem besitzt.


Ein härteres Geldsystem würde nicht automatisch jedes Produkt langlebig machen.


Aber es würde die Zeitpräferenz verändern.


Wenn Ersparnisse ihren Wert besser bewahren, wird es attraktiver, langfristig zu denken. Dann gewinnen Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Werterhalt und echte Qualität an Gewicht.


Auch Lebensmittel zeigen den Unterschied zwischen Preis und Wert


Ähnlich ist es bei Lebensmitteln.


Die moderne Lebensmittelindustrie hat grosse Fortschritte gemacht: Sicherheit, Verfügbarkeit, Kühlketten und Auswahl sind besser als früher.


Gleichzeitig wurde ein grosser Teil des Marktes auf Preis, Skalierung, Haltbarkeit, Bequemlichkeit und schnelle Verfügbarkeit optimiert.


Das Ergebnis ist nicht automatisch schlechte Nahrung. Aber häufig eine andere Priorität.


Ein möglichst günstiges, stark verarbeitetes Produkt mit langer Regalzeit kann wirtschaftlich attraktiver sein als ein hochwertiges, nährstoffreiches und sorgfältig hergestelltes Lebensmittel.


Auch hier gilt: Das Fiatgeldsystem ist nicht die einzige Ursache.


Aber ein System, das laufenden Konsum und kurzfristige Umsätze stärker belohnt als langfristigen Werterhalt, verändert die Richtung wirtschaftlicher Entscheidungen.


Ein härterer Geldstandard wäre keine Zeitmaschine


Ein harter Geldstandard ist kein magisches Rezept.


Historisch hatte auch der Goldstandard Nachteile. Er konnte wirtschaftliche Anpassungen erschweren, deflationären Druck erzeugen und Krisen verstärken, wenn Staaten oder Banken zu lange an falschen Regeln festhielten.


Die Frage ist deshalb nicht, ob man die Vergangenheit romantisieren sollte.


Die Frage ist, welche Eigenschaften ein gutes Geldsystem fördern sollte.


Langfristiges Sparen.

Echte Kapitalbildung.

Produktive Investitionen.

Langlebige Güter.

Verlässliche Preise.

Planbarkeit.


Ein Geldsystem, das seine Kaufkraft besser schützt, schafft dafür grundsätzlich stärkere Voraussetzungen als ein System, in dem die schleichende Entwertung ausdrücklich akzeptiert wird.


Was wir nicht wissen – und was wir sehr wohl wissen


Wir wissen nicht, wie die Welt heute unter einem härteren Geldstandard aussehen würde.


Wir wissen nicht, welche Technologien zusätzlich entstanden wären.


Wir wissen nicht, wie viel Kapital produktiver eingesetzt worden wäre.


Wir wissen nicht, welche Verschuldung, Vermögensblasen oder Fehlanreize vermieden worden wären.


Aber wir wissen:


Der grösste Teil der grundlegenden industriellen und technischen Infrastruktur unserer heutigen Welt entstand nicht unter einem vollständig ungedeckten Geldsystem.


Wir wissen auch:


Die Abschaffung der Goldbindung führte nicht nachweislich zu einem dauerhaften Produktivitätssprung.


Und wir sehen:


Unsere heutige Wirtschaft produziert enorme Mengen an Gütern, aber zugleich auch kurze Produktzyklen, wachsende Verschuldung, hohe Vermögenspreise und grosse Mengen an Abfall.


Fazit


Ja, wir leben heute materiell besser als vor 100 oder 200 Jahren.


Doch daraus folgt nicht, dass das Fiatgeldsystem diesen Wohlstand geschaffen hat.


Viele der wichtigsten Grundlagen unseres modernen Lebens entstanden unter harten oder zumindest relativ harten Geldstandards. Das heutige System hat Innovationen verbreitet, finanziert und beschleunigt. Es hat aber auch neue Anreize geschaffen: mehr Verschuldung, mehr Vermögenspreisdruck, mehr Konsum und oft weniger Geduld für Qualität.


Die entscheidende Frage ist nicht, ob früher alles besser war.


Die entscheidende Frage ist:


Welche Art von Geld fördert langfristig echte Substanz?


Wer sich damit beschäftigt, landet nicht bei Nostalgie.

Sondern bei Eigenverantwortung.

Bei der Entscheidung, nicht nur auf Preise und Verfügbarkeit zu achten, sondern auf Qualität, Haltbarkeit, reale Werte und die eigene Handlungsfähigkeit.



Projektion mit der Aufschrift „Live, Work, Create“ auf einer Backsteinwand als Symbol für Arbeit, Innovation und echte Wertschöpfung im Fiatgeldsystem.

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